Projektname, Stadt-Stadtteil

Wohnen im Gut Kleinzschocher, Leipzig

Gutachterverfahren 08/2020

Bauherr
LWB Leipziger Wohnbaugesellschaft mbH
Leistung
Gutachterbeitrag

Das Rittergut Kleinzschocher war über Jahrhunderte Sitz einer Vielzahl von Adels- und Patrimonialherren.
Als Rittergut war es auch baulich und landschaftlich abgegrenzt und Ausdruck des jeweiligen Familienpatronats.
Im Wandel der Zeit hat sich das Rittergut als Gebäudeensemble aufgelöst. Dass das Gut Kleinzschocher nach den Kriegszerstörungen nicht wiedererrichtet wurde, kann auf den gesellschaftlichen Wandel und den Mangel eines Anlasses zurückgeführt werden.

Die Villa von Tauchnitz wird zwischenzeitlich hochpreisig vermietet. Dem steht das Bestreben nach einer sozialverträglichen Entwicklung der übrigen Flächen und einer gemeinnützigen Wiederbelebung des Schösserhauses entgegen. Das ehemalige Rittergut teilt  sich also weiter auf und löst sich von dem Begriff „Rittergut“.

Hingegen stehen zentrale Begriffe  aus der Aufgabenstellung wie Gemeinschaft, Offenheit, Durchlässigkeit, Sozialverträglichkeit, Durchwegung, Volkspark und Freiraumpotential im Kontrast zu den Assoziationen eines Rittergutes. Diese Begriffe sprechen für die Entwicklung einer neuen Bebauungsstruktur.

In der Betrachtung der Baufelder spielen das Spannungsfeld zwischen Stadtraum und Parklandschaft und die Lesart des jeweiligen Potentials eine zentrale Rolle. Aus den verschiedenen Situationen entstehen dreierlei städtebauliche Typologien,  das Schösser Quartier, der Tauchnitz Kamm und die Zschochersche Stirn.

Baufeld 1

Wir betrachten das Schösserhaus als Relikt eines verlorenen städtebaulichen Gefüges, welches wie ein Samenkorn am Ort verblieb, um etwas Neues zu begründen, das seinen Charakter frei von seinen Ahnen entfalten kann.

Wir sehen das Schösserhaus in seiner Bedeutung als Keimzelle einer neuartigen, städtebaulichen Entwicklung auf dem Baufeld 1, dem Schösser Quartier. Den Sprung in die Gegenwart feiert es in seiner Beziehung zu einem zeitgenössischen Spiegelbild und Äquivalent– dem Neubau der Quartiersscheune – mit stillem Gewerbe, Gästewohnung, Gemeinschaftsbüros und überdecktem Werkplatz.

Zwischen diesen beiden Häusern spannt sich ein Raum auf, das Kraftfeld und Zentrum des entstehenden Schösserquartiers  – der Schösserplatz. Um dieses Kraftfeld gruppieren sich gleichberechtigte Baukörper, die sich individuell nach außen entfalten. Dabei verwebt sich das Quartier über seine Außenraumbezüge mit dem Volkspark, inhaliert den Grünraum und nimmt Wegebezüge auf.

Als durchlässiges, verzweigtes Gebilde steht es der Öffentlichkeit zur Verfügung und lädt zum Austausch und Partizipation ein. Der Übergang zu privaten Außenflächen zeigt sich in Niveausprüngen, die eine Abgrenzung bieten ohne abzuschotten.

Topografie, Höhendifferenzen und Bestandsgrün werden als Übergänge von Quartier zur Parklandschaft genutzt und fortgeschrieben.

Innerhalb des Quartiers setzt sich das Freiflächenangebot zusammen aus

  • Stadtgrün am angerartigen Schösserplatz
  • Vorgartengrün der Wohnhäuser
  • in das Quartierinnere reichende Grün-Zungen der umliegenden Parklandschaft
  • privaten Anwohnergärten, mit begrünten Geländesprüngen und Nebenanlagen zur Abgrenzung
  • naturnah befestigten Wegeführungen vom zentralen Platz in den umliegenden Park

Erschließung

Das Quartier ist über ein Wegenetz für Fußgänger und Radfahrer an das übergeordnete Wegenetz angebunden. Um den Verkehr weitestgehend aus dem Quartiersinneren herauszuhalten, befindet sich zuvorderst eine gemeinschaftliche Mobilitätsstation. Die Vorhöfe der Wohngebäude bieten zudem Kurzzeitparkplätze für das Be- und Entladen sowie Abstellmöglichkeiten für Fahrradanhänger und Handwagen.

Baufeld 2

Das Baufeld 2 stellt eine Freifläche im ehemaligen Rittergut Kleizschocher ohne historisch überlieferte städtebauliche Eigenart und Prägung dar. Seine Entwicklungsansätze leiten sich somit aus dem Rahmen angrenzender Situationen und Einflüsse ab.

Gelegen zwischen Windorfer Straße und Parklandschaft orientieren sich die Binnenräume des Quartiers entschieden zum Volkspark. Mit dem Ziel, diesen in die Tiefe des Baufelds einfließen zu lassen und den Verkehrseinfluss der Windorfer Straße abzufangen, schlagen wir ein geschlossenes Rückgrat zur Straße und tief in den Grünraum ragende, sich mit ihm verschränkende Glieder vor.

Diese Gliedrigkeit zeigt sich zur Windorfer Straße in einer differenzierten Kontur, einer Sequenz aus adressbildenden Vorplätzen und Zugangssituationen. Im Kontrast zur jenseitig lesbaren Stadtkante der Straßenrandbebauung wird hier die Abfolge von Vorplätzen fortgeführt, die zur Parklandschaft des Volksparks überleitet und individuelle Adressen bildet.

Die Geschossigkeit reduziert sich von einer höheren Dichte vis-a-vis  der Taborkirche zum südlich gelegenen Gelände der Villa von Tauchnitz. Sie findet so den Schulterschluss zur zweigeschossigen Grenzbebauung der benachbarten Remise. Die Gebäudefinger staffeln sich zum Parkraum ab und münden über eine differenzierte Landschaft aus Gemeinschaftsterrassen und Dachgärten in den Grünraum. Durch diese Verknüpfung des Grünraums mit dem Gebäude entstehen ein Dialog und eine Verschränkung mit dem angrenzenden Außenraum und Stadtpark.

Den Kindergarten schlagen wir flankierend an der südlichen Grundstücksgrenze vor.
Somit erstreckt sich die für die Kita vorbehaltene Freispielfläche über diesen Bereich, ohne die Bewegungsräume sonstiger Nutzergruppen einzuschränken. Die gewählte Lage wird den nutzungsbedingten Ansprüchen an Geborgenheit, Sicherheit und Obhut gerecht.

Erschließung

Der Kamm wird über die Windorfer Straße erschlossen. Am südlichen Ende befindet sich eine Tiefgarage, welche ca. 85 Stellplätze aufnehmen kann.

Baufeld 3

Hier schlagen wir eine Blockrandschließung vor, deren Südflanke überhöht wird und als „Zschochersche Stirn“ auf die Weitläufigkeit der Dieskaustraße reagiert. Für die ersten beiden Geschosse sehen wir Gewerbeflächen, in den weiteren Geschossen auf Grund der Gebäudelage temporäres Wohnen, z.B. Studentenwohnungen, vor. Im Untergeschoss können weitere ca. 65 Stellplätze angeordnet werden, die zusammen mit der Tiefgarage im Baufeld 2 ca. 148 Stellplätze für die drei Baufelder bereitstellen.